
Was hat die EU-Kohäsionspolitik mit dem Ruhrgebiet zu tun und was ist das überhaupt?
Oliver Linsel:
Die EU-Kohäsionspolitik und ihre Ausgestaltung befassen sich mit damit wie der Zusammenhalt und das Zusammenwachsen der verschiedenen europäischen Regionen gestaltet werden. Die Grundidee ist es, dass bislang noch nicht so entwickelte Regionen oder Regionen mit strukturellen Schwierigkeiten besseren Zugang zu bspw. Infrastrukturfördermitteln über den europäischen Fonds zur Regionalentwicklung (EFRE) bekommen, sodass diese im gesamten europäischen Verbund aufschließen können und damit der EU im Ganzen geholfen wird.
Gerade die Städte des Ruhrgebiets leiden seit Jahren unter struktureller Unterfinanzierung und sind auch auf diese Mittel angewiesen, um die Entwicklung der Städte voranzubringen. In der aktuellen Diskussion ist diese Teilhabe jedoch gefährdet, da die EU-Kommission überlegt Teile dieser Infrastrukturmittel in Kriseninstrumente und Verteidigungsbudgets zu überführen. Dadurch wird der Kuchen kleiner und die Teilhabemöglichkeiten des Ruhrgebiets sind gefährdet.
Wir dürfen zur Extra-Schicht eine Delegation aus Katowice empfangen. Wie kommt es dazu?
Oliver Linsel:
Gerade mit Blick auf den Strukturwandel ist das Ruhrgebiet anderen Regionen in Europa wie bspw. die GZM (Metropole Oberschlesien-Kohlenbecken) strukturell näher, als beispielsweise den ländlicheren Räumen in NRW. In den letzten Jahren haben wir immer wieder gemeinsame Stellungnahmen zu Vorhaben der EU ausgearbeitet und gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Daraus hat sich eine engere Zusammenarbeit zwischen diesen Regionen ergeben.
Im Rahmen dieser Zusammenarbeit waren wir bereits letztes Jahr zu Gast in Katowice bzw. in der Metropole Oberschliesen-Kohlenbecken – kurz GZM (Górnośląsko-Zagłębiowska Metropolia). Dort habe wir die Repräsentant*innen von dort dann entsprechend eingeladen zum Rückbesuch – und wann bietet sich der besser an, als zur Extraschicht?
Was können wir von der Region GZM lernen?
Oliver Linsel:
Sehr viel, die Region Oberschlesien ist geschichtlich sehr eng verwandt mit unserem Ruhrgebiet. Hier wie dort wurde unter preußischer Verwaltung der Kohlenbergbau entwickelt und dadurch die Region industrialisiert. Über die Zeit sind viele polnische Industriearbeiter mit ihren Familien ins Ruhrgebiet gezogen, weshalb es bis heute auch viele familiäre Beziehungen zwischen Oberschlesien und unserem Ruhrgebiet gibt.
Aus diesen geschichtlichen Parallelen ergeben sich dementsprechend auch viele Parallelen in der heutigen Zeit, wir stehen vor ähnlichen Herausforderungen mit Blick auf den Strukturwandel und den Herausforderungen neue, innovative und nachhaltige Wirtschaftszweige in der Region anzusiedeln und industrielle Brachflächen aufzubereiten und zu nutzen. Dies hat die GZM beispielsweise durch die Entwicklung eines Gründungszentrums (Katowice gaming and technology HUB), sowie durch Kultur- und Bildungsangebote (Schlesisches Museum) gemacht. Dazu kommt, dass die GZM in den letzten Jahren sehr viel Infrastruktur neu gebaut oder modernisiert hat. Die Straßenbahn wird in den dortigen Städten gebündelt durch ein gemeinsames regionales Verkehrsunternehmen organisiert – etwas das auch hier seit Jahren diskutiert wird.
Gemeinsam wollen unsere Regionen auch in der Zukunft einen engen Austausch zu den Themen Flächenentwicklung und ‑recycling, grün-blaue Infrastruktur und die Schaffung lebendiger dritter Orte, nachhaltige Mobilität von ÖPNV-Planung bis Radwegenetz und nicht zuletzt Jugendbeteiligung und Repräsentation pflegen.
Danke Oliver!


